| Gefordert sein und Gefördert werden (03.02.2012) |
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Einige Lehrer sind der Meinung, dass wir Schüler allgemein viel
zu wenig gefordert sind. Im Abitur schreiben wir nur einen
Bruchteil dessen, was sie anno dazumal abhandeln mussten. Auf
der anderen Seite stehen die steigenden Zahlen der
Burn-out-Erkrankten. Eine Krankheit, die ausgelöst wird durch zu
viel Stress, Überforderung und vor allem dem seelischen Leiden,
nicht anerkannt zu werden. Eine Krankheit, die vor allem mit dem
Begriff „Leistungsgesellschaft“ verbunden wird. Und darin
widerspricht die „Leistungsgesellschaft“ sich selbst. Heute wird jedem seine „Individualität“ zugesichert. Besonders unser Bildungssystem nimmt Einfluss darauf: Durch Zweigwahl und Wahl von erhöhten und grundlegenden Fächern in der Oberstufe kann jeder Schüler verstärkt dem, was ihm gefällt, nachgehen. Anderes, was ihm weniger liegt, wird auch weniger in seinem Unterricht behandelt. Die künstlerische Hanswurst kann sich somit viel mehr auf Rechenaufgaben konzentrieren, als zu versuchen, mit seiner zweiten linken Hand ein Bild zu malen. (Bei der ersten linken sind die fünf Finger irgendwie im Wege.) Allerdings kommt, wofür das Gymnasium meiner Meinung nach bürgt, keinem Schüler ein Grundwissen auf breiter Basis zugute. Er soll nicht „überbeansprucht“ werden. Dem Gegenüber steht, wie gesagt, die Leistungsgesellschaft, die zwar unabhängig von Herkunft und Geschlecht, Religion und seinem Lieblingsfrühstücksgetränk (Gleichheitsprinzip) jedem die Möglichkeit verspricht, sich durch seine jeweiligen Fertigkeiten und Fähigkeiten „sozial zu positionieren“. Aber letztlich nur an den Ergebnissen der Handlungen des Berufstätigen/Beschäftigten denselben be – und entlohnt. Im Klartext heißt das: Egal, woran du glaubst und wo du herkommst, hast du gute Noten, „dann bist du auch ‚wer‘“. Schwenken wir just unseren Blick durch das Klassenzimmer und wir erkennen einen anderen, der schlechte Noten einheimst und dadurch „wer auch immer“ ist. Natürlicherweise will der Mensch sich durch seine Arbeit profilieren und anerkannt werden. (Verweis auf: Richard David Precht, „Die Kunst, kein Egoist zu sein“, München, 2010) Doch wenn nur das Ergebnis und nicht der Prozess beachtet wird, und wenn der Berufsempfänger jederzeit „zu funktionieren hat“, sprich etwas vorzuweisen hat, dann will man ihn zu einem Übermenschen formen. Nochmal zum Bildungssystem: mit der Selektion der Fächer wird auch eine „Klasse“ in Kurse selektiert. Da kämpft jede Hanswurst für sich allein. Bzw. es gibt mehrere Hanswürste, aber die denken alle immer in der gleichen Schiene. Da kann die naturwissenschaftliche der künstlerischen Hanswurst, und umgekehrt, nicht helfen. Mit der Zeit wird es trotzdem fade, immer den gleichen Käse zu essen. Abwechslung, auch wenn die Wurst nicht schmecken mag, macht die Bedeutung des guten Käses erst besonders. Ansonsten wird es abgeschmackt. Ein Beispiel: In einem Online–Artikel von „Die Zeit“ geht der Autor auf eine Umfrage ein, an der Studenten teilnahmen. Es ging um die Einführung der Bachelor– und Masterstudiengänge (unter: http://www.zeit.de/studium/hochschule/2010-02/studenten-leistung-stress). Die Studenten gaben an, dass sie kaum noch Kontakt zu ihren Professoren hätten, unter größerem Stress leiden würden und das Studium nur noch schnell hinter sich zu bringen. Sie „empfänden [...] ‚mehr Kälte im Studium und hätten nicht mehr so großen Spaß am Studentenleben wie am Erkenntnisgewinn wie die Generationen vor ihnen“. Wie es scheint, wird mit der Förderung sogenannter „Indivdualität“ und ihres Segens (?) für das „Individuum“, also jeden einzelnen Bürger/Menschen, auch eine gewisse Entfremdung desselben von sich bewirkt. Lediglich ein Deckmantel, um zeitlich mehr Funktionalität im wirtschaftlichen Sinne zu erreichen. (Soviel als letzten Satz ;)) Es muss klar sein, dass jede künstlerische Hanswurst, die ein mathematisches Genie ist, nur ein Mensch ist und auch als Genie eine Auszeit braucht. Michael Endes Momo scheint in grotesker Weise real geworden zu sein. Ich hoffe an dieser Stelle, dass die Lehrer als ebenfalls „Betroffene“ im Deutschunterricht überhaupt einmal ein wenig „Zeit finden“, auf dieses Buch kurz einzugehen. |
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